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AfD-Jugendgründung in Gießen: Zehntausende protestieren gegen „Generation Deutschland“

Demonstration
© Nadya Ustuzhantceva / stock.adobe.com

Am Wochenende des 29. und 30. November 2025 stand Gießen im Zeichen eines politischen Ausnahmezustands. In den Hessenhallen gründete die AfD ihre neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“, während zeitgleich in der Stadt und rund um die Zufahrtswege massive Proteste stattfanden. Polizei und Stadtverwaltung hatten sich zuvor auf eines der größten Einsatzwochenenden in der hessischen Geschichte vorbereitet.

Nach Angaben von Polizei und Veranstaltern beteiligten sich im Verlauf des Samstags weit über 20.000 Menschen an zahlreichen Kundgebungen und Demonstrationszügen, manche Bündnisse sprechen von deutlich mehr als 50.000 Teilnehmenden. Allein zur Großkundgebung des DGB Hessen-Thüringen kamen mehr als 20.000 Menschen zusammen, viele davon eigens mit Bussen aus dem gesamten Bundesgebiet angereist.

Begleitet wurden die Proteste von einem Großaufgebot der Polizei mit mehreren Tausend Beamtinnen und Beamten, Wasserwerfern, Räumpanzern und weiträumigen Absperrungen. Die Bilanz des Wochenendes: dutzende Verletzte, eine heftig geführte Debatte über Polizeitaktik und Versammlungsfreiheit – und eine neu gegründete AfD-Jugendorganisation, deren politischer Kurs bereits intensiv diskutiert wird.

Hintergrund: Neue AfD-Jugendorganisation in den Hessenhallen

Ausgangspunkt der Ereignisse war der Gründungskongress der AfD-Jugend in den Gießener Hessenhallen. Nach der Selbstauflösung der bisherigen Nachwuchsorganisation „Junge Alternative“, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft war, sollte in Gießen ein Neuanfang gewagt werden. Die neue Struktur „Generation Deutschland“ ist eng an die Partei angebunden und richtet sich an AfD-Mitglieder unter 36 Jahren. An der Gründungsversammlung nahmen mehr als 800 Delegierte teil, insgesamt wurden rund 1.000 Kongressteilnehmer erwartet.

„Generation Deutschland“ als Nachfolgerin der „Jungen Alternative“

Mit „Generation Deutschland“ verfolgt die AfD nach eigenen Angaben zwei Ziele: Die Nachwuchsorganisation soll junge Menschen an die Partei binden und zugleich künftige Mandatsträger und Funktionäre ausbilden. Parteichefin Alice Weidel bezeichnete die neue Jugend in Gießen als künftige „Kaderschmiede“ der AfD und rief die Anwesenden dazu auf, Verantwortung in Partei und Parlamenten zu übernehmen.

Zum Vorsitzenden wählten die Delegierten den 28-jährigen Brandenburger Landtagsabgeordneten Jean-Pascal Hohm mit rund 90 Prozent der Stimmen, Gegenkandidaten gab es nicht. Der Brandenburger Verfassungsschutz ordnet Hohm und den dortigen AfD-Landesverband dem gesichert rechtsextremistischen Spektrum zu, was Hohm selbst als politisch motiviert zurückweist.

Protestwelle und Demo-Verbotszone

Mobilisierung aus ganz Deutschland

Gegen den Gründungskongress hatten zahlreiche Bündnisse zu Protesten aufgerufen, darunter Gewerkschaften, antifaschistische Gruppen, Initiativen aus der Klimabewegung sowie kirchliche und zivilgesellschaftliche Netzwerke. Schon im Vorfeld rechneten Polizei und Innenministerium mit bis zu 50.000 Gegendemonstrierenden bei rund 20 angemeldeten Veranstaltungen im Stadtgebiet.

Am Samstagmorgen setzten sich die ersten Demonstrationszüge bereits in der Früh in Bewegung. Vom Bahnhof aus führte ein Protestzug der DGB-Jugend in Richtung Innenstadt, weitere Kundgebungen folgten an den Lahnbrücken und auf zentralen Plätzen. Die Polizei sprach später von Teilnehmerzahlen im unteren fünfstelligen Bereich, während das Protestbündnis „Widersetzen“ von einem deutlich größeren Zulauf ausging und die Aktionen als großen Erfolg bewertete.

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Gerichte bestätigen Sicherheitszone

Besonders umstritten war eine von der Stadt Gießen angeordnete Zone in der Weststadt, in der Versammlungen im Umfeld der Hessenhallen grundsätzlich untersagt wurden. Nach mehreren Eilverfahren bestätigte der Hessische Verwaltungsgerichtshof diese Regelung und setzte damit Entscheidungen des Verwaltungsgerichts Gießen wieder außer Kraft. Kundgebungen und Demonstrationszüge mussten auf andere Bereiche der Stadt ausweichen, Protest unmittelbar vor der Halle blieb weitgehend ausgeschlossen.

Bürgerrechtsorganisationen, Initiativen und das Bündnis „Widersetzen“ kritisierten die Verbotszone als schweren Eingriff in die Versammlungsfreiheit. Sie argumentierten, dass Gegenprotest aus demokratischer Sicht in Sicht- und Hörweite des Anlasses stattfinden müsse und warfen Stadt und Polizei eine überzogene Gefahrenprognose vor. Die Stadt wiederum verwies auf Sicherheitsinteressen und die Aufgabe, sowohl den AfD-Kongress als auch Proteste zu ermöglichen.

Ablauf der Demonstrationen und der Polizeieinsatz

Blockaden, Wasserwerfer und verspäteter Kongressbeginn

Neben Kundgebungen in der Innenstadt setzten viele Aktivistinnen und Aktivisten auf Blockadeaktionen. Rund um Gießen wurden Straßen, eine Bundesstraße und ein Verkehrskreisel zeitweise blockiert, an einer Stelle hielt ein Bus mit angeketteten Personen den Verkehr auf. Die Polizei räumte mehrere Blockaden, teils unter Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken.

Durch die Blockaden verzögerte sich der Beginn des AfD-Kongresses in den Hessenhallen um mehr als zwei Stunden. Viele Delegierte und Gäste, darunter die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla sowie der spätere Jugendchef Hohm, erreichten den Veranstaltungsort erst mit erheblicher Verspätung. In der Zwischenzeit blieben zahlreiche Plätze im Saal leer.

Verletzte und gegenseitige Vorwürfe

An mehreren Stellen kam es im Laufe des Tages zu direkten Konfrontationen zwischen Polizei und Protestierenden, insbesondere an den Lahnbrücken und in der Nähe von Absperrungen Richtung Hessenhallen. Nach Polizeiangaben wurden Beamtinnen und Beamte mit Flaschen, Steinen und Pyrotechnik beworfen; die Einsatzkräfte setzten sich den Angaben zufolge mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern zur Wehr.

In ihrer Zwischenbilanz meldete die Polizei zunächst 10 bis 15 leicht verletzte Einsatzkräfte. Im Uniklinikum Gießen-Marburg wurden bis zum Nachmittag etwa 15 verletzte Demonstrierende ambulant behandelt. Medienberichte sprechen inzwischen von mindestens 36 Verletzten insgesamt.

Für Schlagzeilen sorgte zudem ein Angriff auf den AfD-Bundestagsabgeordneten Julian Schmidt, der auf dem Weg zu einer Absperrung auf Gegendemonstrierende traf und laut eigenen Angaben Schläge ins Gesicht erhielt; seine Nase könnte gebrochen sein. Die Polizei ermittelt wegen des Vorfalls.

Das Protestbündnis „Widersetzen“ und andere Gruppen werfen der Polizei ihrerseits „willkürliche Gewalt“ vor und sprechen von unverhältnismäßigen Einsätzen gegen friedliche Teilnehmende. Die Sicherheitskräfte weisen diese Kritik zurück und verweisen auf Angriffe auf Polizeiketten sowie den Versuch, Absperrungen mit Gewalt zu durchbrechen. Die Auseinandersetzung um Bewertung und Verhältnismäßigkeit des Einsatzes dürfte Gerichte und Politik noch länger beschäftigen.

Auswirkungen auf die Stadt und politische Einordnung

Gießen im Ausnahmezustand

Für die Stadt Gießen bedeutete das Wochenende nicht nur eine enorme logistische Herausforderung, sondern auch spürbare Einschränkungen im Alltag. Die Innenstadt war zeitweise schwer erreichbar, mehrere Zufahrtsstraßen wurden gesperrt, und rund um die Hessenhallen galten weiträumige Sicherheitsbereiche. Teile des Weihnachtsmarkts blieben geschlossen, viele Geschäfte verzeichneten deutliche Einbußen an einem der normalerweise umsatzstärksten Einkaufstage des Jahres.

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Hessens Innenminister Roman Poseck wertete den Polizeieinsatz dennoch als Erfolg und erklärte, ohne das massive Aufgebot wären in Gießen „schwerste Gewalttaten“ bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Szenen möglich gewesen. Händler und Marktbeschicker fordern dagegen Ausgleichslösungen wie zusätzliche verkaufsoffene Sonntage, um finanzielle Schäden abzufedern.

Reaktionen aus Bundespolitik und AfD

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte die Gewaltszenen am Rande der Proteste deutlich. Er sprach von Fernsehbildern, die eine Auseinandersetzung zwischen „ganz links und ganz rechts“ zeigten, und warnte vor einer wachsenden Faszination für autoritäre Lösungen. Die demokratische Mitte müsse Konflikte politisch lösen und eskalierende Konfrontationen vermeiden.

AfD-Co-Chefin Alice Weidel wiederum verurteilte die Blockaden und Angriffe auf AfD-Vertreter als zutiefst undemokratisch. Sie sprach von einer Gewaltbereitschaft, vor der man sich fürchten müsse, und rief die Protestierenden dazu auf, abzurüsten und die Polizei mit Respekt zu behandeln. Gleichzeitig knüpfte sie hohe Erwartungen an „Generation Deutschland“ als Motor für weitere Wahlerfolge der Partei.

Protestbündnisse und Gewerkschaften betonten dagegen vor allem die große Zahl friedlich demonstrierender Menschen. Sie sehen im breiten Schulterschluss von Initiativen, Verbänden und lokalen Gruppen ein starkes Signal gegen Rechtsextremismus und gegen die neue AfD-Jugendorganisation. Dass es trotz des massiven Polizeiaufgebots zu teils heftigen Auseinandersetzungen kam, wird von ihnen vor allem der Einsatzstrategie der Behörden zugeschrieben.

Fazit

Die Gründung von „Generation Deutschland“ in Gießen und die Proteste dagegen markieren einen neuen Höhepunkt der politischen Polarisierung in Deutschland. Auf der einen Seite steht eine Partei, die mit ihrer neuen Jugendorganisation ihren Einfluss langfristig ausbauen und organisatorisch stabilisieren möchte. Auf der anderen Seite mobilisieren breite Bündnisse zehntausende Menschen, um gegen eine weitere Normalisierung rechtsextremer Positionen zu demonstrieren.

Der Blick auf das Wochenende zeigt, wie eng Grundrechte, Sicherheitsinteressen und politische Konflikte inzwischen miteinander verwoben sind. Die Auseinandersetzung um die Verbotszone, die Bewertung des Polizeieinsatzes und die Frage nach den Grenzen zivilen Ungehorsams werden in den kommenden Wochen weiter diskutiert werden – in Gießen ebenso wie bundesweit. Der 29. November 2025 dürfte damit als Tag in Erinnerung bleiben, an dem eine mittelgroße Universitätsstadt zum Symbol für die aktuellen Spannungen im Umgang mit der AfD und ihrem Umfeld wurde.

Quellen

Die Darstellung stützt sich unter anderem auf aktuelle Berichte von Welt, Zeit Online, Frankfurter Rundschau und taz sowie weiteren Meldungen und Live-Tickern vom 29. und 30. November 2025 zur Gründung von „Generation Deutschland“ und den Protesten in Gießen.

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